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100 UND 1 ZEICHNUNG. MECKLENBURGISCHE TRACHTEN VON WOLFGANG »WOLF« BERGENROTH (1893–1942)

Online-Reihe SICHTweisen, Teil 4

Die Strohpuppe – ein Erntebrauch grafisch notiert

Anders als die vorangegangenen grafischen Blätter der Reihe SICHTweisen zeigt dieses keine menschliche Figur: stattdessen eine Strohpuppe – so die handschriftliche Notiz auf dem Blatt.

Vermutlich hatte Wolf Bergenroth dieses Motiv im Schweriner Museum gesehen. Hier wurden seit 1912 die umfangreichen Sammlungen des Nestors der mecklenburgischen Volkskunde, Richard Wossidlo, aufbewahrt: Trachten, Arbeits- und Haushaltsgegenstände, mehr als 3000 Zeugnisse regionaler Volkskultur.

 Die Strohpuppe zu zeichnen war sicher keine besondere künstlerische Herausforderung für Bergenroth. Warum entschloss er sich dennoch dafür? Welche Hinweise finden sich auf dem Blatt?

Mit Bleistift ist das Motiv unprätentiös festgehalten. Ähren bilden den Kopf der Puppe. Die Halme werden mit Seilen umwickelt und geteilt. So entstehen Leib, Arme und Beine. Auch die Augen sind angedeutet. Blumen in Knopfreihung verzieren den Leib, Bänder den linken Arm.

Neben der Zeichnung der Strohpuppe finden sich handschriftliche Notizen: die Augen seien zwei Stoffstücke auf Draht, die Puppe mit roten Stoffblumen und bunten Schleifen – gelb, grün, rot und blau – geschmückt.

Mit der Motivauswahl der Strohpuppe verweist Wolf Bergenroth auf einen mecklenburgischen Erntebrauch: Wenn alles Korn geborgen ist, wird eine Erntepuppe gebunden, mit Blumen und Bändern geschmückt und auf die letzte Hocke gestellt oder unter großem Jubel auf den Hof der Herrschaft gefahren. Ein Ereignis, das Bergenroth kannte, als Pastorensohn hatte er seine Kindheit im ländlichen Umfeld von Spornitz, Domitz und Parchim verbracht.

Darüber hinaus hat Bergenroth im eigenen volkskundlichen Interesse Rat bei Wossidlo gesucht, wusste um dessen Feldforschungen. Womöglich hielt er Wossidlos Publikation »Mecklenburgische Erntebräuche« von 1927 in den Händen. Zahlreiche Gewährsmänner bezeugen darin den Erntebrauch der Strohpuppe – regional unterschiedlich ausgeprägt. In den verschiedenen Gegenden Mecklenburgs wird die Strohpuppe mal ›de Popp‹, ›dei Oll‹ oder ›de Wulf‹ genannt:

»De Popp wir ganz von Garben maakt, de had ornlich Been un Arm. Bi 't Afstaken in de Schünn würd dee to allerletzt baben upstellt. Dat wir de oll Glow': wenn de Popp in de Schünn wier, flöög de Blitz nich in un de Schünn brennt nich af.« (Jörnstorf)

»De Wulf hadd Frugenstüüg an, Rock, witt Jack un Hoot. De Diern de em anbringen ded' in't Herrenhuus, säd ' in ehren Spruch: se wull wünschen, dat tokumm Johr en anner Mäten den Wulf bringen müßt« (Tüzen) 

Hören wir Wossidlos Gewährsmännern zu, entdecken wir Bergenroths Zeichnung ›Strohpuppe‹ in einem sehr lebendigen Umfeld dieses Erntebrauchs.

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Bild: Wolfgang Bergenroth, Strohpuppe, o. J., Bleistift, 16 x 11,5 cm, Inv.-Nr. K 863 b H/ Kulturhistorisches Museum Rostock

12.02.2021

Öffnungszeiten
Dienstag bis Sonntag
10.00 bis 18.00 Uhr 

Eintritt frei